|
Kinder stellen heute die Bevölkerungsgruppe dar, die am stärksten von Armut betroffen ist.1997 wuchsen mehr als die Hälfte der Kinder in Deutschland unter 15 Jahren in prekären Wohlstandsbedingungen auf – darunter knapp 14% unter der Armutsgrenze. Die Zahl der Kinder aus Haushalten, die Sozialhilfe empfangen, hat in der jüngeren Vergangenheit kontinuierlich zugenommen: Lebte 1965 noch jedes 75. Kind in einem Sozialhilfeempfängerhaushalt, war es 2003 schon jedes siebte Kind. Zudem gibt es Anzeichen dafür, dass sich Armut auch räumlich immer mehr konzentriert und zementiert, so dass Kinder auch am stärksten von Segregation betroffen sind.
Diese Entwicklung hängt eng zusammen mit den politischen Reformbestrebungen, u.a. auf dem Arbeitsmarkt, im Bildungssektor und in der Sozialgesetzgebung, sowie mit den gesellschaftlichen Veränderungen unter globalen Vorzeichen. Die Neuverteilung der Kompetenzen zwischen der Bundesagentur für Arbeit und den Kommunen, die schärferen Zumutbarkeitsregeln, die Anrechnung von eigenem Vermögen auf staatliche Leistungen und die Mini-/Midi-Jobs treffen in NRW auf eine Gruppe von rund 300.000 Bürgern zu, deren Lebenssituation durch ein problematisches Zeitmanagement, ein niedriges Einkommen und eine extrem ungünstige Chancenstruktur gekennzeichnet ist. Bisher ist umstritten, ob und wie sich z.B. die neuesten Reformen auf Kinder in Armut auswirken werden. Unklar ist weiter, welche Bewältigungsstrategien diese Kinder entwickeln und welchen Einfluss dabei der sozialräumliche Kontext hat. Ebenso wird darüber diskutiert, wie die öffentliche und freie Kinder- und Jugendhilfe, die Kindergärten und Schulen auf diese Entwicklungen reagieren und welche Rolle sie zukünftig spielen können, sollen und müssen.
Armut bedeutet für Kinder und ihre Familien, dass ihnen nur geringe materielle und soziale Partizipationsmöglichkeiten und damit eingeschränkte Entwicklungschancen zur Verfügung stehen. Das kann eine pessimistische Lebenseinstellung im Allgemeinen und eine Einschätzung eigener Möglichkeiten voller Selbstzweifel im Besonderen nach sich ziehen. Armut kann sich - wie eine selffulfilling prophecy - in die eigene Biografie übersetzen und ein Gefühl fehlender Selbstwirksamkeit hervorrufen: Der Sozialhilfebezug wird zur lebensweltlichen Normalität.
Hier liegt der Ausgangspunkt des beantragten Projektes. Um zu verhindern, dass die ungünstigen Startbedingungen langfristig unterdurchschnittliche Lebenschancen zur Folge haben, ist eine Gegensteuerung erforderlich. Dem kindlichen Bewältigungsverhalten, das vom Bewältigungsverhalten der Eltern stark beeinflusst wird, kommt eine Schlüsselrolle zu. Eine Hauptaufgabe besteht darin, das passive problem meidende zu einem aktiven problem lösenden Verhalten umzuwandeln. Mit Hilfe eines kulturpädagogischen Ansatzes sollen Kindern in benachteiligten Stadtteilen neue Perspektiven aufgezeigt, ihnen die dafür erforderlichen Kompetenzen vermittelt und auf diese Weise deren Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein gestärkt werden.
H.G. Beisenherz, Kinderarmut in der Wohlfahrtsgesellschaft. Das Kainsmal der Globalisierung, Opladen, 2002.
P. Krause & R. Habich, Einkommen und Lebensqualität im vereinigten Deutschland, in: Vierteljahreshefte zur Wirtschaftsforschung, 2/2000, S. 325.
Die aktuellsten Daten zu Sozialhilfestatistiken beziehen sich auf den Stand 31.12.2003. Für das Jahr 2004 liegen noch keine Auswertungen vor. Seit dem 01.01.2005 ist das BSHG durch das SGB II und das SGB XII abgelöst worden.
K.P. Strohmeier, Kinderarmut in der Stadtgesellschaft. Armutsstrukturen im Ruhrgebiet, URL: www.sozialberichterstattung.de; W. Siebel, Empfehlungen zur stadträumlichen Integrationspolitik, Vortrag am 11.02.2005 im Umweltforum Berlin; A. Farwick, Segregierte Armut in der Stadt. Ursachen und soziale Folgen der räumlichen Konzentration von Sozialhilfeempfängern, Opladen, 2001 . |